NarrDerNacht

Herbert Fritsche: Sommersonnenwende

Sommersonnenwende
Südlich lau und lind.
Atmendes Gelände ...
Über meine Hände
Wandert warm der Wind.

Aus dem dämmerholden
Abendfarbenmeer
Hebet der Mond sich golden.
Die Holunderdolden
Wogen hin und her.

Wo die Sterne thronen.
Wunderweltenweit.
In entrückten Zonen
Tauschen ihre Kronen
Zeit und Ewigkeit .

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Hermann Hesse: Stufen

Wie jede Blüte welkt und jede Jugend
Dem Alter weicht, blüht jede Lebensstufe,
Blüht jede Weisheit auch und jede Tugend
Zu ihrer Zeit und darf nicht ewig dauern.

Es muss das Herz bei jedem Lebensrufe
Bereit zum Abschied sein und Neubeginne,
Um sich in Tapferkeit und ohne Trauern
in andre, neue Bindungen zu geben.

Und jedem Anfang wohnt ein Zauber inne,
Der uns beschützt und der uns hilft zu leben.

Wir sollen heiter Raum um Raum durchschreiten,
An keinem wie an einer Heimat hängen,
Der Weltgeist will nicht fesseln uns und engen,
Er will uns Stuf' um Stufe heben, weiten.

Kaum sind wir heimisch einem Lebenskreise
Und traulich eingewohnt, so droht Erschlaffen,
Nur wer bereit zu Aufbruch ist und Reise,
Mag lähmender Gewöhnung sich entraffen.

Es wird vielleicht auch noch die Todesstunde
Uns neuen Räumen jung entgegensenden,
Des Lebens Ruf an uns wird niemals enden ...
Wohlan denn, Herz, nimm Abschied und gesunde!

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Nikolaus Lenau: Sonnenuntergang

Sonnenuntergang;
Schwarze Wolken ziehn,
O wie schwül und bang
Alle Winde fliehn!

Durch den Himmel wild
Jagen Blitze, bleich;
Ihr vergänglich Bild
Wandelt durch den Teich.

Wie gewitterklar
Mein ich dich zu sehn
Und dein langes Haar
Frei im Sturme wehn!

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Oscar Wilde: Santa Decca

Die Götterwelt ist tot: schon lang vermisst
Die herbe Pallas den Olivenkranz,
Persephone das Korn. Im Mittagsglanz
Das Hirtenlied die Furcht vor Pan vergisst,

Denn Pan ist tot! Mit ihm erstorben ist
Der heiße Jubel, den der Wald einst sah,
Und keine Quelle ist für Hylas da;
Denn Pan ist tot, und Gott ist Jesus Christ.

Und doch - vielleicht auf diesem Eiland hier
Liegt, kauernd der Erinnrung bittre Frucht,
Irgend ein Gott versteckt im Asphodill.

Ach Lieb, und wäre wirklich einer hier,
So trieb uns wohl sein Zorn zu schneller Flucht.
Doch horch, da raschelts! Lauschen wir - sei still!

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Charles Baudelaire: Der Feind

Die Jugend voller Sturm, gewitterträchtig, düster,
War von der Sonne Glanz nur hier und da gestreift;
Der Regen und der Blitz, die schlimmsten der Verwüster,
Kaum schenkten sie die Frucht des Gartens mir gereift.

Doch der Gedanken Herbst hat endlich mir begonnen,
So daß nach Schaufel ich und nach dem Rechen rief,
Das Erdreich wieder neu zu sammeln, mir zerronnen,
Von Fluten ausgehöhlt und wie ein Grab so tief.

Wer weiß, die ich mir schön erträumt, ob je die Blume
Im ausgelaugten Grund auch finden wird die Krume,
Die mit geheimer Kraft sie noch zum Blühen bringt?

- O Qual, o welche Qual! Die Zeit frißt unser Leben.
Und dieser Feind, der unser Herz verschlingt,
Ernährt und stärkt sich von dem Blute, das wir geben!

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