NarrDerNacht

Heinrich Heine: Fragen

Am Meer, am wüsten, nächtlichen Meer
Steht ein Jüngling-Mann,
Die Brust voll Wehmut, das Haupt voll Zweifel,
Und mit düstern Lippen fragt er die Wogen:

"O löst mir das Rätsel des Lebens,
Das qualvoll uralte Rätsel,
Worüber schon manche Häupter gegrübelt,
Häupter in Hieroglyphenmützen,
Häupter in Turban und schwarzem Barett,
Perückenhäupter und tausend andre
Arme, schwitzende Menschenhäupter -
Sagt mir, was bedeutet der Mensch?
Woher ist er gekommen? Wo geht er hin?
Wer wohnt dort oben auf goldenen Sternen?"

Es murmeln die Wogen ihr ewges Gemurmel,
Es weht der Wind, es fliehen die Wolken,
Es blinken die Sterne, gleichgültig und kalt,
Und ein Narr wartet auf Antwort.

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Khalil Gibran: Die Nacht und der Narr

"Ich bin wie du, o Nacht, dunkel und nackt; ich begehe den flammenden Pfad hoch über den Träumen meiner Tage, und wo mein Fuß die Erde berührt, entspringt eine riesige Eiche."
"Nein, o Narr, du bist nicht wie ich. Immer noch blickst du dich um nach der Fußspur, die du im Sand hinterläßt."
"Ich bin wie du, o Nacht, verschwiegen und tief. Im Herzen meiner Einsamkeit liegt eine Göttin in Wehen, und in dem, der aus ihr geboren wird, berühren sich Himmel und Erde."
"Nein, o Narr, du bist nicht wie ich. Noch schauderst du vor Schmerz und schreckst vor dem Lied des Abgrunds zurück."
"Ich bin wie du, o Nacht, wild und schrecklich. In meinen Ohren dröhnen das Geschrei besiegter Völker und das Wehklagen längstvergeßner Kontinente."
"Nein, o Narr, du bist nicht wie ich. Immer noch hast du deine kleinliche Seele zum Gefährten und kannst mit deiner größeren Seele nicht Freund sein."
"Ich bin wie du, o Nacht, abscheulich und grausam. Meine Brust leuchtet im Schein brennender Schiffe, und meine Lippen triefen vom Blut erschlagener Krieger."
"Nein, o Narr, du bist nicht wie ich. Immer noch verlangst du nach einer Schwesterseele und hast dein eigenes Gesetz nicht gefunden."
"Ich bin wie du, o Nacht, glücklich und froh. Wer in meinem Schatten lebt, ist trunken von jungem Wein, und wer mir folgt, sündigt frohgemut."
"Nein, o Narr, du bist nicht wie ich. Deine Seele ist hinter sieben Schleiern verborgen, und du hast dein Herz nicht in der Hand."
"Ich bin wie du, o Nacht, leidenschaftlich und geduldig. In meiner Brust liegen tausend tote Liebende in den Wanten verwester Küsse begraben."
"Ja, Narr, bist du wie ich? Bist du wie ich? Kannst du den Sturm als Schlachtroß reiten und den Blitz als Schwert führen?"
"Wie du, o Nacht, wie du, groß und mächtig. Mein Thron steht auf Bergen gefallener Götter. Die Tage ziehn an mir vorüber, sie küssen den Saum meines Gewandes und erblicken doch nie mein Gesicht."
"Bist du wie ich, Kind meines dunkelsten Herzens? Denkst du meine wilden Gedanken, sprichst du meine verheerende Sprache?"
"Ja, o Nacht, Zwillingsbrüder sind wir. Du offenbarst das All, und ich offenbare meine Seele."

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Christian Morgenstern: Der stille Weg

Ich liebe dich, du stiller Weg,
auf dem mich keine Seele trifft,
ich geh dich heim allabendlich
und schlürfe deines Schweigens Gift.


Ich geh dich heim allabendlich
des Tags und seiner Bürde voll -
und biete meine Seele aus -
und weiß nicht, wie ich leben soll.

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Herbert Fritsche: Krähenstunde

Die Krähen übertaumeln - schwarze Scharen -
Das Dach, darunter mein Altar verdirbt.
Und wundgeschunden von den bittren Jahren
Blick ich durchs Fenster, wo in wunderbaren
Entflammungen der Tag gen Westen stirbt.

Die Krähen kreisen. Ihre Flügelschläge
Zerfetzt von Zeit zu Zeit ein heisrer Schrei.
Ein Krähenmühlrad dreht sich zäh und träge
Zu Häupten meiner Not - und ich erwäge,
Was wohl der Sinn des düstren Taumels sei.

Sind sie der Wahnsinn, der, mich einzukreisen,
Als Schwarm von Totenvögeln näherschwebt?
Warum zerkrächzen ihre wüsten Weisen
Das letzte Liebeslied, das noch mit leisen
Verheißungsklängen mir im Herzen lebt?

Ich frage es. Die Antwort gibt das Grauen,
Das langsam aus der Landschaft nach mir langt.
Kein Trostgestirn erblüht mir mehr im Blauen-
Und dort durchs Dunkel geht Ihr fremden Frauen,
Um die ich einst gebetet und gebangt.

Ihr nahmt es hin. Ich bin allein geblieben.
Die Krähen kreisen meinen Giebel ein -
Und was ich je mit meinem Blut geschrieben,
Ihr hießet's mich zuletzt ins Leere lieben.
So sind die Nacht nur und das Nein noch mein.

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Christian Morgenstern: Es ist Nacht

Es ist Nacht,
und mein Herz kommt zu dir,
hält's nicht aus,
hält's nicht aus mehr bei mir.

Legt sich dir auf die Brust,
wie ein Stein,
sinkt hinein,
zu dem deinen hinein.

Dort erst,
dort erst kommt es zur Ruh,
liegt am Grund
seines ewigen Du.

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